Eine Studentin blickt nachdenklich und betrübt aus dem Fenster.Eine Studentin blickt nachdenklich und betrübt aus dem Fenster.
 

Imposter-Syndrom im Studium

Wenn sich Erfolge nicht nach Erfolg anfühlen

Du erreichst etwas, auf das du stolz sein könntest – aber etwas in dir fragt sich, ob es verdient war. Ob andere übertreiben, wenn sie dich kompetent nennen. Oder ob du einfach nur Glück hattest und irgendwann »auffliegen« wirst. Diese Erfahrung nennt man Imposter-Syndrom. Viele Studierende kennen dieses Gefühl. Und trotzdem denken die meisten, sie seien allein damit. Dabei sagt Imposter nichts über deine Fähigkeiten aus – aber sehr viel über die Strukturen, in denen du lernst, leistest und dich vergleichst. In diesem Beitrag erfährst du, warum Imposter entsteht, wie verbreitet es ist und wie du mit diesen Gedanken umgehen kannst.

Was ist das Imposter-Syndrom?

Das Imposter-Syndrom beschreibt das Gefühl, trotz objektiver Leistungen zu glauben, man sei eigentlich inkompetent oder ein „Betrug“. Es wurde bereits 1978 erstmals beschrieben.1 
Typisch sind Gedanken wie:

  • „Ich habe nur Glück gehabt.“
  • „Die anderen überschätzen mich.“
  • „Wenn ich einen Fehler mache, sieht man, wie wenig ich kann.“

Studien2 zeigen, dass dieser Eindruck nicht an tatsächliche Leistung gekoppelt ist, sondern mehr mit Selbstzweifeln, Leistungsdruck und gesellschaftlichen Anforderungen zu tun hat.  

Warum ist das Imposter-Syndrom im Studium so verbreitet?

Das Studium ist eine Lebensphase, die viele Unsicherheiten bündelt: Leistungsdruck, neue Umgebungen, häufige Bewertung, wenig Vergleichsmaßstäbe und die starke Sichtbarkeit von „Kompetenz“ im Außen. Wir sehen nur die guten Noten der anderen, nicht deren Unsicherheit. 
Kein Wunder, dass Studierende häufiger von Imposter-Gefühlen betroffen sind.3

Ist Imposter reine Kopfsache?

Es wäre zu einfach zu sagen: „Du unterschätzt dich.“ Imposter entsteht auch durch Strukturen. Es ist keine reine Mindset-Sache: Menschen aus nicht-akademischen Familien berichten deutlich häufiger, „nicht dazuzugehören“, selbst bei gleichen Leistungen4. Hier geht es nicht um Kompetenz, sondern um fehlende Codes, um fehlende Netzwerke und Erfahrungen. Auch die Idee, dass Erfolg rein „verdient“ sein müsse und es alle schaffen können, führt dazu, dass jede Unsicherheit und jede unsichtbare Barriere wie persönliches Scheitern wirkt. Der Mythos einer gerechten Leistungsgesellschaft, von der wir alle wissen, dass sie so nicht existiert5

Wie kann ich mit Imposter-Gefühlen umgehen?

Das Imposter-Syndrom verschwindet nicht einfach durch „positives Denken“, aber durch vielleicht lassen sich die dazugehörigen Gefühle mit einem anderen Umgang besser bewältigen:  

  • Gefühle benennen: „Ich habe Imposter-Gedanken“ bedeutet nicht, dass ich ein Imposter bin. Ich bin nicht meine Gedanken. Diese können auch ein Stresssignal sein.
  • Fakten auflisten: Schreib dir konkret auf, was du erreicht hast. Dein Gehirn speichert Misserfolge stärker6 (negativity bias), Erfolge müssen bewusst „nachgefüttert“ werden.
  • Perspektive holen: Anderen gelingt es oft leichter, deine Stärken zu sehen als dir selbst – auch dann, wenn sie die Gefühle kennen. Bleibt damit also nicht alleine.
  • Vergleich reduzieren: Social Media zeigt nicht Realität, sondern Highlights. Vergleiche sind Verzerrungen und keine validen Messungen. Wir vergleichen uns nach oben und nicht nach unten.
  • Fehler normalisieren und Zweifel als Kompetenz sehen. In der Forschung gilt: Wer nie scheitert, lernt nicht. Und wer nicht zweifelt, wird mögliche Fehler übersehen. 

Dein Quick-Check: Imposter-Syndrom

Imposter-Gefühle können lähmend sein, aber sie sind kein Beweis für deine Inkompetenz. Sie entstehen dort, wo Druck, Vergleiche und strukturelle Erwartungen größer sind als die Ressourcen, mit ihnen umzugehen. Du musst nicht perfekt sein, um dazuzugehören. Und du musst diese Gedanken nicht allein tragen. 

@systemischegesundheit
Lukas Maher

Lukas Maher ist Psychotherapeut mit ADHS. Auf Instagram klärt er über ADHS, Irrtümer der sogenannten Pop-Psychologie und zu mentaler Männergesundheit auf.


Quellen:

1 Clance, P. R., & Imes, S. A. (1978). The imposter phenomenon in high achieving women: Dynamics and therapeutic intervention. Psychotherapy: Theory, Research & Practice, 15(3), 241–247.
2 Bravata, D. M., Watts, S. A., Keefer, A. L., Madhusudhan, D. K., Taylor, K. T., Clark, D. M., Nelson, L. M., & Cokley, K. O. (2020). Prevalence, predictors, and treatment of impostor syndrome: A systematic review. Journal of General Internal Medicine, 35(4), 1252–1275. doi.org/10.1007/s11606-019-05364-1
3 Bravata, D. M., Watts, S. A., Keefer, A. L., Madhusudhan, D. K., Taylor, K. T., Clark, D. M., Nelson, L. M., & Cokley, K. O. (2020). Prevalence, predictors, and treatment of impostor syndrome: A systematic review. Journal of General Internal Medicine, 35(4), 1252–1275. doi.org/10.1007/s11606-019-05364-1
4 Al Lawati, A., Al-Wahshi, A., Al-Mahrouqi, T., Al-Mufargi, Y., Al Shukaily, S., Al Aufi, H., Al-Shehhi, I., Al Azri, A., & Al-Sinawi, H. (2025). The Prevalence of Imposter Syndrome and Its Association with Psychological Distress: A Cross-Sectional Study. Behavioral sciences (Basel, Switzerland), 15(7), 986. doi.org/10.3390/bs15070986
5 Breeze, M. (2018). Imposter Syndrome as a Public Feeling. In: Taylor, Y., Lahad, K. (eds) Feeling Academic in the Neoliberal University. Palgrave Studies in Gender and Education. Palgrave Macmillan, Cham. https://doi.org/10.1007/978-3-319-64224-6_9
6 Vaish, A., Grossmann, T., & Woodward, A. (2008). Not all emotions are created equal: The negativity bias in social-emotional development. Psychological Bulletin, 134(3), 383–403. doi.org/10.1037/0033-2909.134.3.383
 

Weitere spannende Themen

Zwischenmenschliches
Support
Me-Time im Studium

Die beste Begleitung? Manchmal bist du das selbst. Solo-Dates sind kein Zeichen von Einsamkeit, sondern echte Selfcare: Zeit nur für dich, ohne Kompromisse. Hier kommen sieben Ideen, die du mal ausprobieren kannst.

 
Studium
Support
Imposter-Syndrom im Studium

Viele Studierende erleben trotz echter Erfolge das Gefühl, »nichts zu können« oder »nur Glück gehabt zu haben«. Dieses Phänomen heißt Imposter-Syndrom. In diesem Beitrag erfährst du, warum Imposter nicht von mangelnder Kompetenz kommt, welche Rolle Leistungsdruck spielt und wie du mit diesen Gefühlen umgehen kannst.

 
Motivation
Studium
Zwischenmenschliches
Hobbys im Studium

Hausarbeiten, Lernstress, volle To-dos? Gerade dann lohnt es sich, mal kurz den Kopf freizubekommen. Ob Sport, Kreatives oder neue Kontakte: Ein Hobby bringt Energie, Spaß und manchmal sogar bessere Noten.

 
Gesundheit
Wissen & Awareness
Support
Doomscrolling – warum wir nicht aufhören können zu scrollen

Warum wir uns so stark zu negativem Content hingezogen fühlen, welche Auswirkungen das auf unsere mentale Gesundheit haben kann und wie du Doomscrolling entkommen kannst, erfährst du im Beitrag.

 
Zwischenmenschliches
Support
Wie du besser mit Ablehnung umgehst

Ein Kontakt, der sich plötzlich nicht mehr meldet. Eine Freundschaft, die im Sande verläuft. Ablehnung trifft uns mitten ins Herz – aber sie definiert uns nicht. Hier erfährst du, warum Zurückweisung nicht das Ende, sondern ein Startpunkt sein kann.

 
Zwischenmenschliches
Support
Warum fühle ich mich im Studium so einsam?

Du bist frisch an der Uni und fühlst dich allein? Das geht vielen so. Einsamkeit betrifft viele Studierende, vor allem am Anfang. Hier erfährst du, warum das so ist und was du tun kannst, damit es besser wird.

 
Wissen & Awareness
Support
Wenn dir alles über den Kopf wächst

Manchmal fühlt sich alles zu viel an und das Weiterkommen scheint unmöglich. Wenn du nicht mehr kannst, gibt es Wege aus der Krise – und Menschen, die dich unterstützen. Hier findest du wichtige Anlaufstellen und Tipps, wie du Hilfe findest.

 
Studium
Wissen & Awareness
Studium vs. Leben

Leistungsdruck, voller Stundenplan, Nebenjob, Sozialleben – und irgendwo dazwischen sollst du auch noch »funktionieren«? In diesem Video zeigt dir Dozentin Lisa Niendorf, wie du wieder mehr Balance im Studienalltag findest!

 
Studium
Alltag & Lifehacks
Weniger Bildschirm = mehr Fokus?

In diesem Video zeigt dir Lisa Niendorf, Dozentin und Bildungsforscherin, wie du mit einfachen Strategien deine digitale Nutzung reflektierst, bewusste Pausen einbaust und Raum für echte Konzentration und Erholung schaffst.

 

Du bist noch nicht angemeldet?