




Du erreichst etwas, auf das du stolz sein könntest – aber etwas in dir fragt sich, ob es verdient war. Ob andere übertreiben, wenn sie dich kompetent nennen. Oder ob du einfach nur Glück hattest und irgendwann »auffliegen« wirst. Diese Erfahrung nennt man Imposter-Syndrom. Viele Studierende kennen dieses Gefühl. Und trotzdem denken die meisten, sie seien allein damit. Dabei sagt Imposter nichts über deine Fähigkeiten aus – aber sehr viel über die Strukturen, in denen du lernst, leistest und dich vergleichst. In diesem Beitrag erfährst du, warum Imposter entsteht, wie verbreitet es ist und wie du mit diesen Gedanken umgehen kannst.
Das Imposter-Syndrom beschreibt das Gefühl, trotz objektiver Leistungen zu glauben, man sei eigentlich inkompetent oder ein „Betrug“. Es wurde bereits 1978 erstmals beschrieben.1
Typisch sind Gedanken wie:
Studien2 zeigen, dass dieser Eindruck nicht an tatsächliche Leistung gekoppelt ist, sondern mehr mit Selbstzweifeln, Leistungsdruck und gesellschaftlichen Anforderungen zu tun hat.
Das Studium ist eine Lebensphase, die viele Unsicherheiten bündelt: Leistungsdruck, neue Umgebungen, häufige Bewertung, wenig Vergleichsmaßstäbe und die starke Sichtbarkeit von „Kompetenz“ im Außen. Wir sehen nur die guten Noten der anderen, nicht deren Unsicherheit.
Kein Wunder, dass Studierende häufiger von Imposter-Gefühlen betroffen sind.3
Es wäre zu einfach zu sagen: „Du unterschätzt dich.“ Imposter entsteht auch durch Strukturen. Es ist keine reine Mindset-Sache: Menschen aus nicht-akademischen Familien berichten deutlich häufiger, „nicht dazuzugehören“, selbst bei gleichen Leistungen4. Hier geht es nicht um Kompetenz, sondern um fehlende Codes, um fehlende Netzwerke und Erfahrungen. Auch die Idee, dass Erfolg rein „verdient“ sein müsse und es alle schaffen können, führt dazu, dass jede Unsicherheit und jede unsichtbare Barriere wie persönliches Scheitern wirkt. Der Mythos einer gerechten Leistungsgesellschaft, von der wir alle wissen, dass sie so nicht existiert5.
Das Imposter-Syndrom verschwindet nicht einfach durch „positives Denken“, aber durch vielleicht lassen sich die dazugehörigen Gefühle mit einem anderen Umgang besser bewältigen:
Imposter-Gefühle können lähmend sein, aber sie sind kein Beweis für deine Inkompetenz. Sie entstehen dort, wo Druck, Vergleiche und strukturelle Erwartungen größer sind als die Ressourcen, mit ihnen umzugehen. Du musst nicht perfekt sein, um dazuzugehören. Und du musst diese Gedanken nicht allein tragen.
Lukas Maher ist Psychotherapeut mit ADHS. Auf Instagram klärt er über ADHS, Irrtümer der sogenannten Pop-Psychologie und zu mentaler Männergesundheit auf.
1 Clance, P. R., & Imes, S. A. (1978). The imposter phenomenon in high achieving women: Dynamics and therapeutic intervention. Psychotherapy: Theory, Research & Practice, 15(3), 241–247.
2 Bravata, D. M., Watts, S. A., Keefer, A. L., Madhusudhan, D. K., Taylor, K. T., Clark, D. M., Nelson, L. M., & Cokley, K. O. (2020). Prevalence, predictors, and treatment of impostor syndrome: A systematic review. Journal of General Internal Medicine, 35(4), 1252–1275. doi.org/10.1007/s11606-019-05364-1
3 Bravata, D. M., Watts, S. A., Keefer, A. L., Madhusudhan, D. K., Taylor, K. T., Clark, D. M., Nelson, L. M., & Cokley, K. O. (2020). Prevalence, predictors, and treatment of impostor syndrome: A systematic review. Journal of General Internal Medicine, 35(4), 1252–1275. doi.org/10.1007/s11606-019-05364-1
4 Al Lawati, A., Al-Wahshi, A., Al-Mahrouqi, T., Al-Mufargi, Y., Al Shukaily, S., Al Aufi, H., Al-Shehhi, I., Al Azri, A., & Al-Sinawi, H. (2025). The Prevalence of Imposter Syndrome and Its Association with Psychological Distress: A Cross-Sectional Study. Behavioral sciences (Basel, Switzerland), 15(7), 986. doi.org/10.3390/bs15070986
5 Breeze, M. (2018). Imposter Syndrome as a Public Feeling. In: Taylor, Y., Lahad, K. (eds) Feeling Academic in the Neoliberal University. Palgrave Studies in Gender and Education. Palgrave Macmillan, Cham. https://doi.org/10.1007/978-3-319-64224-6_9
6 Vaish, A., Grossmann, T., & Woodward, A. (2008). Not all emotions are created equal: The negativity bias in social-emotional development. Psychological Bulletin, 134(3), 383–403. doi.org/10.1037/0033-2909.134.3.383