Imposter-Syndrom im Studium

11.08.2026
3 Minuten
Survival Guide Studium

Viele Studierende erleben trotz echter Erfolge das Gefühl, »nichts zu können« oder »nur Glück gehabt zu haben«. Dieses Phänomen heißt Imposter-Syndrom. In diesem Beitrag erfährst du, warum Imposter nicht von mangelnder Kompetenz kommt, welche Rolle Leistungsdruck spielt und wie du mit diesen Gefühlen umgehen kannst.

 

Lukas Maher hat Psychologie an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck und am Beit Berl College in Israel studiert und war in stellvertretender Leitungsfunktion an einem Ausbildungsinstitut für Psychotherapie tätig. Heute ist er Autor und psychologischer Psychotherapeut (Systemische Therapie) mit eigener Praxis. Auf Instagram klärt er zu ADHS, Irrtümern der sogenannten Pop-Psychologie und zu mentaler Männergesundheit auf.

Sein Geheimtipp fürs Studium mit ADHS? »Lass dich nicht von negativen Vorurteilen gegenüber einer medikamentösen Behandlung beeindrucken. Mache dir dadurch das Leben nicht schwerer, als es ist und versuche im Studium deine Neugier nicht zu verlieren – sie ist dein Motor!«

Wenn sich Erfolge nicht nach Erfolg anfühlen

Du erreichst etwas, auf das du stolz sein könntest – aber etwas in dir fragt sich, ob es verdient war. Ob andere übertreiben, wenn sie dich kompetent nennen. Oder ob du einfach nur Glück hattest und irgendwann »auffliegen« wirst. Diese Erfahrung nennt man Imposter-Syndrom. Viele Studierende kennen dieses Gefühl. Und trotzdem denken die meisten, sie seien allein damit. Dabei sagt Imposter nichts über deine Fähigkeiten aus – aber sehr viel über die Strukturen, in denen du lernst, leistest und dich vergleichst. In diesem Beitrag erfährst du, warum Imposter entsteht, wie verbreitet es ist und wie du mit diesen Gedanken umgehen kannst.

Was ist das Imposter-Syndrom?

Das Imposter-Syndrom beschreibt das Gefühl, trotz objektiver Leistungen zu glauben, man sei eigentlich inkompetent oder ein „Betrug“. Es wurde bereits 1978 erstmals beschrieben.

Typisch sind Gedanken wie:

  • »Ich habe nur Glück gehabt.«
  • »Die anderen überschätzen mich.«
  • »Wenn ich einen Fehler mache, sieht man, wie wenig ich kann.«
     

Studien2 zeigen, dass dieser Eindruck nicht an tatsächliche Leistung gekoppelt ist, sondern mehr mit Selbstzweifeln, Leistungsdruck und gesellschaftlichen Anforderungen zu tun hat.  

Dein Quick-Check: Imposter-Syndrom

Imposter-Gefühle können lähmend sein, aber sie sind kein Beweis für deine Inkompetenz. Sie entstehen dort, wo Druck, Vergleiche und strukturelle Erwartungen größer sind als die Ressourcen, mit ihnen umzugehen. Du musst nicht perfekt sein, um dazuzugehören. Und du musst diese Gedanken nicht allein tragen.

Warum ist das Imposter-Syndrom im Studium so verbreitet?

Das Studium ist eine Lebensphase, die viele Unsicherheiten bündelt: Leistungsdruck, neue Umgebungen, häufige Bewertung, wenig Vergleichsmaßstäbe und die starke Sichtbarkeit von „Kompetenz“ im Außen. Wir sehen nur die guten Noten der anderen, nicht deren Unsicherheit. 
Kein Wunder, dass Studierende häufiger von Imposter-Gefühlen betroffen sind.3

Ist Imposter reine Kopfsache?

Es wäre zu einfach zu sagen: „Du unterschätzt dich.“ Imposter entsteht auch durch Strukturen. Es ist keine reine Mindset-Sache: Menschen aus nicht-akademischen Familien berichten deutlich häufiger, „nicht dazuzugehören“, selbst bei gleichen Leistungen4. Hier geht es nicht um Kompetenz, sondern um fehlende Codes, um fehlende Netzwerke und Erfahrungen. Auch die Idee, dass Erfolg rein „verdient“ sein müsse und es alle schaffen können, führt dazu, dass jede Unsicherheit und jede unsichtbare Barriere wie persönliches Scheitern wirkt. Der Mythos einer gerechten Leistungsgesellschaft, von der wir alle wissen, dass sie so nicht existiert5

Wie kann ich mit Imposter-Gefühlen umgehen?

Das Imposter-Syndrom verschwindet nicht einfach durch „positives Denken“, aber durch vielleicht lassen sich die dazugehörigen Gefühle mit einem anderen Umgang besser bewältigen: 

»Ich habe Imposter-Gedanken« bedeutet nicht, dass ich ein Imposter bin. Ich bin nicht meine Gedanken. Diese können auch ein Stresssignal sein.

 

 

Schreib dir konkret auf, was du erreicht hast. Dein Gehirn speichert Misserfolge stärker6 (negativity bias), Erfolge müssen bewusst »nachgefüttert« werden.

Perspektive holen: Anderen gelingt es oft leichter, deine Stärken zu sehen als dir selbst – auch dann, wenn sie die Gefühle kennen. Bleibt damit also nicht alleine.

Social Media zeigt nicht Realität, sondern Highlights. Vergleiche sind Verzerrungen und keine validen Messungen. Wir vergleichen uns nach oben und nicht nach unten.

Fehler normalisieren und Zweifel als Kompetenz sehen. In der Forschung gilt: Wer nie scheitert, lernt nicht. Und wer nicht zweifelt, wird mögliche Fehler übersehen. 


Teilen

1 Clance, P. R., & Imes, S. A. (1978). The imposter phenomenon in high achieving women: Dynamics and therapeutic intervention. Psychotherapy: Theory, Research & Practice, 15(3), 241–247.
2 Bravata, D. M., Watts, S. A., Keefer, A. L., Madhusudhan, D. K., Taylor, K. T., Clark, D. M., Nelson, L. M., & Cokley, K. O. (2020). Prevalence, predictors, and treatment of impostor syndrome: A systematic review. Journal of General Internal Medicine, 35(4), 1252–1275. doi.org/10.1007/s11606-019-05364-1
3 Bravata, D. M., Watts, S. A., Keefer, A. L., Madhusudhan, D. K., Taylor, K. T., Clark, D. M., Nelson, L. M., & Cokley, K. O. (2020). Prevalence, predictors, and treatment of impostor syndrome: A systematic review. Journal of General Internal Medicine, 35(4), 1252–1275. doi.org/10.1007/s11606-019-05364-1
4 Al Lawati, A., Al-Wahshi, A., Al-Mahrouqi, T., Al-Mufargi, Y., Al Shukaily, S., Al Aufi, H., Al-Shehhi, I., Al Azri, A., & Al-Sinawi, H. (2025). The Prevalence of Imposter Syndrome and Its Association with Psychological Distress: A Cross-Sectional Study. Behavioral sciences (Basel, Switzerland), 15(7), 986. doi.org/10.3390/bs15070986
5 Breeze, M. (2018). Imposter Syndrome as a Public Feeling. In: Taylor, Y., Lahad, K. (eds) Feeling Academic in the Neoliberal University. Palgrave Studies in Gender and Education. Palgrave Macmillan, Cham. doi.org/10.1007/978-3-319-64224-6_9
6 Vaish, A., Grossmann, T., & Woodward, A. (2008). Not all emotions are created equal: The negativity bias in social-emotional development. Psychological Bulletin, 134(3), 383–403. doi.org/10.1037/0033-2909.134.3.383

Weitere Beiträge

Warum fühle ich mich im Studium so einsam?

Du bist frisch an der Uni und fühlst dich allein? Das geht vielen so. Einsamkeit betrifft viele Studierende, vor allem am Anfang. Hier erfährst du, warum das so ist und was du tun kannst, damit es besser wird.

15.07.2026
Studium
Zwischenmenschliches
Artikel
 

Wie du besser mit Ablehnung umgehst

Ein Kontakt, der sich plötzlich nicht mehr meldet. Eine Freundschaft, die im Sande verläuft. Ablehnung trifft uns mitten ins Herz – aber sie definiert uns nicht. Hier erfährst du, warum Zurückweisung nicht das Ende, sondern ein Startpunkt sein kann.

26.05.2026
Zwischenmenschliches
Support
Artikel
 

Imposter-Syndrom im Studium

Viele Studierende erleben trotz echter Erfolge das Gefühl, »nichts zu können« oder »nur Glück gehabt zu haben«. Dieses Phänomen heißt Imposter-Syndrom. In diesem Beitrag erfährst du, warum Imposter nicht von mangelnder Kompetenz kommt, welche Rolle Leistungsdruck spielt und wie du mit diesen Gefühlen umgehen kannst.

11.08.2026
Studium
Support
Artikel
 

Lernen wie im Schlaf

Länger wach bleiben, früher aufstehen, am Wochenende nachholen – in der Prüfungsphase opfern viele ihren Schlaf fürs Lernen. Im Beitrag erfährst du, warum das nicht immer die beste Lösung ist und was stattdessen hilft.

19.05.2026
Schlaf
Lernen & Prüfungen
Artikel
 

Introvertiert, extravertiert – oder beides?

Introvertiert oder extravertiert? Die meisten Menschen sind weder nur das eine noch das andere. Erfahre, was hinter Introversion und Extraversion steckt und wie du im Studienalltag eine gute Balance zwischen sozialem Kontakt und Ruhe finden kannst.

18.08.2026
Zwischenmenschliches
Support
Artikel
 

Spaß beim Lernen?

Serienmarathon als Lernbelohnung? Klappt vielleicht ... bis es nicht mehr klappt. Finde heraus, wie du deine innere Motivation aktivierst und langfristig dranbleibst!

26.05.2026
Motivation
Studium
Lernen & Prüfungen
Artikel
 

Doomscrolling – warum wir nicht aufhören können zu scrollen

Warum wir uns so stark zu negativem Content hingezogen fühlen, welche Auswirkungen das auf unsere mentale Gesundheit haben kann und wie du Doomscrolling entkommen kannst, erfährst du im Beitrag.

16.06.2026
Gesundheit
Support
Artikel
 

Weitere spannende Themen

Mental Health

Survival Guide Studium

Food & Fitness

Social Stuff