



Ein langer Uni-Tag ist vorbei: Worauf hast du jetzt eher Lust? Mit ein paar Kommilitoninnen und Kommilitonen noch auf eine Uni-Party gehen oder lieber gemütlich daheim ein Buch lesen? Vielleicht denkst du sofort: »Na klar, feiern gehen.« Oder genau das Gegenteil: »Ich will einfach nur auf die Couch.« Vielleicht merkst du aber auch: »Eigentlich würde ich gerne mit zur Party, aber das klingt irgendwie auch anstrengend.«
Wenn es um Introversion und Extraversion geht, denken viele schnell in Kategorien: introvertiert oder extravertiert. Tatsächlich sind die wenigsten Menschen nur das eine oder das andere. Die meisten Menschen haben zwar eine Tendenz in die eine oder andere Richtung, bewegen sich aber irgendwo zwischen den Polen. Spannender als die Frage »Welcher Persönlichkeitstyp bin ich?« ist deshalb oft »Welche Situationen geben mir Kraft und welche kosten mich Energie?« Wenn wir unsere eigenen Bedürfnisse besser kennen, fällt es leichter, unser Leben so zu gestalten, dass es zu uns passt.
Extraversion und Introversion bilden eine der fünf Persönlichkeitsdimensionen des wissenschaftlichen Persönlichkeitsmodells der Big Five.1 Sie beschreiben die beiden Pole eines Spektrums und beziehen sich unter anderem darauf, wie gerne Menschen soziale Kontakte suchen und wie viel äußere Reize sie als angenehm empfinden. Die meisten von uns liegen irgendwo zwischen den beiden Polen und tragen Anteile von beidem in sich.
Wichtig ist dabei: Schüchtern vs. introvertiert ist nicht dasselbe. Introvertierte Menschen sind nicht automatisch schüchtern. Während Introversion vor allem beschreibt, wie viel soziale und äußere Stimulation jemand bevorzugt, geht es bei Schüchternheit eher um Unsicherheit oder Angst in sozialen Situationen. Beides kann gemeinsam auftreten, muss es aber nicht.2
Ob du dich als introvertiert im Studium erlebst oder eher extravertiert: Die wenigsten Menschen sind ausschließlich das eine oder das andere. Deshalb ist es oft hilfreicher, dich zu fragen, welche sozialen Situationen dir Energie geben und wann du Ruhe brauchst.
Sozialer Kontakt muss nicht immer gleich die große Party oder ein Networking-Event bedeuten. Ein Treffen mit einer Ehrenamtsgruppe oder einer kleinen Lerngruppe kann genauso gesellig sein. Genauso muss Rückzug nicht immer bedeuten, ganz allein zu sein – vielleicht kannst du auch beim gemeinsamen Lesen, beim Yoga oder bei einem Spaziergang auftanken und trotzdem in Kontakt sein.
Du musst dich nicht verstellen oder Dinge tun, die so weit außerhalb deiner Komfortzone liegen, dass du sie gar nicht erst ausprobierst oder dich dabei überforderst. Überlege lieber, welche Formen von Kontakt und Rückzug zu dir passen, und erlaube dir, auszuprobieren, was sich für dich wirklich stimmig anfühlt und dir auf Dauer guttut.
Und wie würdest du die Frage jetzt beantworten: introvertiert, extravertiert – oder beides? Vielleicht lautet die Antwort auch: mal so, mal so. Wir alle haben ein Bedürfnis nach Kontakt und nach Ruhe – es fällt jedoch bei jedem Menschen unterschiedlich aus und kann sich je nach Lebensphase oder Situation verändern. Je besser du weißt, was dir in unterschiedlichen Situationen guttut, desto leichter kannst du deinen Alltag so gestalten, dass sowohl Kontakt als auch Ruhe ihren Platz finden.
Jana Scheible-Khedekar hat Psychologie (B.Sc.) und Soziologie (M.Sc.) studiert und absolviert derzeit berufsbegleitend einen Master in Psychologie. Sie leitet Workshops und schreibt zu Themen rund um mentale Gesundheit. Ihre Schwerpunkte liegen auf dem Umgang mit Emotionen, Ressourcenorientierung und Achtsamkeit.
1 Vgl. Corinna Hartmann (2023): „Persönlichkeitstypen“. In: Psychologie Heute, unter: www.psychologie-heute.de/gesellschaft/artikel-detailansicht/42520-persoenlichkeitstypen.html (Stand 30.07.2026).
2 Weiterführende Gedanken zum Thema Introversion findest du in: Susan Cain (2012): „Quiet. The power of Introverts in a World That Can't Stop Talking“. Crown Publishers: New York.