




»Könntest du noch die Präsentation fertig machen?«, fragt dich eine Kommilitonin – und bevor du dich versiehst, hast du schon Ja gesagt. Dabei hast du eigentlich gar keine Kapazitäten dafür. Am liebsten würdest du die Zeit zurückdrehen und Nein sagen. Aber gleichzeitig fragst du dich: Würde ich mich das überhaupt trauen? Was, wenn sie dann verärgert ist und mich womöglich ausschließt? Hier erfährst du, warum wir manchmal Ja sagen, wenn wir eigentlich Nein meinen – und wie du lernen kannst, deine eigenen Bedürfnisse bewusster wahrzunehmen.
Mit People Pleasing ist ein Verhaltensmuster gemeint, bei dem die Bedürfnisse anderer regelmäßig über die eigenen gestellt werden. Das geschieht oft unbewusst – etwa aus einem starken Harmoniebedürfnis, aus Angst vor Ablehnung oder dem Wunsch, dazuzugehören. Dabei vermeiden wir häufig Konflikte und versuchen, anderen zu gefallen.1 Auch wenn People Pleasing kein klar definierter Fachbegriff ist, kennen viele Menschen solche Verhaltensweisen. In der Psychologie wird dieses Verhaltensmuster unter anderem im Zusammenhang mit Angst vor Zurückweisung, dem Selbstwertgefühl und dem Umgang mit Konflikten betrachtet.2
Im Studium kann sich das beispielsweise so zeigen, dass du immer mehr Aufgaben übernimmst, obwohl deine Kapazitäten eigentlich schon ausgeschöpft sind. Oder dass du bei Meinungsverschiedenheiten lieber still bleibst und bei gemeinsamen Entscheidungen deine eigenen Bedürfnisse zugunsten der anderen zurückstellst.
Jana Scheible-Khedekar hat Psychologie (B.Sc.) und Soziologie (M.Sc.) studiert. Sie leitet Workshops und schreibt zu mentaler und emotionaler Gesundheit. Außerdem praktiziert Jana als körperorientierte Coach und unterrichtet Yoga und achtsamkeitsbasierte Meditation.
Zum Leben in einer sozialen Gemeinschaft gehört es dazu, sich anzupassen und Kompromisse zu finden. Empathie und Rücksichtnahme sind wichtige soziale Kompetenzen – solange deine eigenen Bedürfnisse dabei nicht dauerhaft zu kurz kommen. Vielleicht war dieses Verhalten in der Vergangenheit eine hilfreiche Strategie für dich. Wenn du jedoch heute immer wieder deine eigenen Bedürfnisse und Werte übergehst, kann das auf Dauer zu Stress und Frust führen. Auch dein Selbstwertgefühl kann darunter leiden, wenn du sehr hohe Ansprüche an dich selbst stellst, die du langfristig kaum erfüllen kannst. Daher kann es hilfreich sein, dich zu fragen, ob dieses Verhaltensmuster heute noch angemessen ist und dir guttut.
Hier sind ein paar Impulse für dich zum Reflektieren und zum Ausprobieren.3 Sie sind kein Quick Fix, sondern eine Einladung, dich selbst besser kennenzulernen und deinen Spielraum Schritt für Schritt zu erweitern. Denn je besser du weißt, was dir wichtig ist, desto leichter fällt es dir, für dich einzustehen – ohne Konflikten aus dem Weg gehen zu müssen oder starre Grenzen um dich zu errichten.
Welche Bedürfnisse und Werte kommen aktuell zu kurz? Wie kannst du kleine Auszeiten oder Aktivitäten in deinen Alltag integrieren, die dir guttun?
Was davon passiert realistisch – und was ist eher die Angst davor?
Probiere aus, öfters Nein zu sagen oder deine eigene Meinung zu teilen. Beginne mit kleinen Schritten und in einem Umfeld, in dem du dich sicher fühlst.
Manchmal denken wir, wir müssen sofort antworten. Dabei ist es oft völlig in Ordnung, sich etwas Zeit zum Nachdenken zu nehmen. Horch in dich hinein: Möchte ich das wirklich? Gibt es vielleicht noch eine andere Möglichkeit? Oft gibt es mehr Spielraum, als wir im ersten Moment denken.
Wie fühlt sich dein Körper an, wenn sich ein Ja gut anfühlt – und wie, wenn nicht? Körpersignale können ein zusätzlicher Wegweiser sein, um dich selbst besser kennenzulernen und wahrzunehmen, was dir wichtig ist.
Sich mit eigenen Verhaltensmustern auseinanderzusetzen kann sehr lohnend sein. Gleichzeitig ist meist nicht alles daran problematisch – oft kommt es auf das richtige Maß an. Wie stark sich People Pleasing zeigt, hängt auch von den Situationen und Beziehungen ab, in denen wir uns bewegen. Mach dir also keinen Druck, alles sofort anders machen zu müssen. Nutze die Impulse als Einladung, dich besser kennenzulernen und Schritt für Schritt neue Spielräume zu entdecken. Beim nächsten Mal darf dein erster Schritt vielleicht einfach sein: kurz innehalten, bevor du antwortest.
1 Brenner, Katrin (2024): „Wie können People Pleaser lernen, sich abzugrenzen?“ In: Psychologie Heute, unter: www.psychologie-heute.de/leben/artikel-detailansicht/43151-wie-koennen-people-pleaser-lernen-sich-abzugrenzen.html [Stand 09.07.2026]
2 Vgl. Maher, Lukas (2025): „Trigger, Trauma, toxisch. Die 45 größten Mental-Health-Irrtümer.“ 1. Aufl. Beltz: Weinheim. Kapitel 19: „People Pleaser“, S. 116.
3 Weitere Übungen findest du zum Beispiel in: Ulrike Bossmann (2023): People Pleasing. Raus aus der Harmoniefalle und weg mit dem schlechten Gewissen. Beltz Verlag, Weinheim.