In einem Modell von Neurodiversität lassen sich theoretisch entwicklungsbedingte und erworbene Neurodivergenzen voneinander unterscheiden.2Entwicklungsbedingte Neurodivergenzen entstehen dabei meist im Rahmen einer genetischen Veranlagung, die sich im Zusammenspiel mit Umweltfaktoren in den ersten Lebensjahren zeigt und über das Leben hinweg bestehen bleiben. Dazu zählen entwicklungsbedingte Neurodivergenzen wie Legasthenie und Dyskalkulie, bei denen das Verständnis von Buchstaben oder Zahlen verändert ist. Außerdem zählt die klinische Neurodivergenz dazu, mit der »untypisches« Verhalten – beispielsweise Autismus und ADHS – beschrieben wird.
Erworbene Neurodivergenzen beziehen sich auf Störungsbilder, die im Laufe des Lebens vorübergehend (oder dauerhaft) entstehen können. Wir wissen, dass bei Menschen mit Depressionen bestimmte Denkverzerrungen vorliegen, welche dazu führen, dass Betroffene die Welt, ihre Zukunft und sich selbst negativer wahrnehmen als außerhalb dieser depressiven Episode.3 Bei Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung wissen wir, dass bestimmte Hirnareale, die für die Verarbeitung unangenehmer Gefühle zuständig sind, anders funktionieren als bei Menschen ohne diese Diagnose.4