Frau mit Stressabbau Spielzeug in der Hand

Der Weg zur ADHS-Diagnose

27.09.2024
6 Minuten
Mental Health

Wie wird ADHS diagnostiziert und was ist während und nach der Diagnose wichtig? Psychotherapeut Lukas weiß mehr!

 

Lukas Maher hat Psychologie an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck und am Beit Berl College in Israel studiert und war in stellvertretender Leitungsfunktion an einem Ausbildungsinstitut für Psychotherapie tätig. Heute ist er Autor und psychologischer Psychotherapeut (Systemische Therapie) mit eigener Praxis. Auf Instagram klärt er zu ADHS, Irrtümern der sogenannten Pop-Psychologie und zu mentaler Männergesundheit auf.

Sein Geheimtipp fürs Studium mit ADHS? »Lass dich nicht von negativen Vorurteilen gegenüber einer medikamentösen Behandlung beeindrucken. Mache dir dadurch das Leben nicht schwerer, als es ist und versuche im Studium deine Neugier nicht zu verlieren – sie ist dein Motor!«

Die Diagnose einer ADHS ist aufwendig, aber nicht unmöglich – kein Hexenwerk, aber ein echter Geduldsakt. Wichtig ist, an qualifiziertes Fachpersonal zu geraten und private Anbietende gut zu überprüfen. Nach einer positiven Diagnostik stehen sowohl medikamentöse als auch psychotherapeutische Maßnahmen zur Auswahl. Im Folgenden möchte ich dir erklären, worauf du achten kannst.

Diagnose von ADHS

ADHS ist eine neurologische Entwicklungsstörung, für die eine ausführliche Diagnostik notwendig ist.1 Reine Online-Angebote oder Diagnosen im Expressverfahren, aber auch Anbieter/innen, die keine klinische Expertise vorzuweisen haben, solltest du deshalb dringend meiden. Eine ADHS-Diagnostik umfasst eine ausführliche Anamnese mit einem standardisierten Interview sowie die Auswertung von standardisierten Fragebögen, die du selbst ausfüllst. Fremdberichte sind wichtig und ergänzen das Bild, weswegen deine Angehörigen ebenfalls Fragebögen ausfüllen oder zu einem Gespräch eingeladen werden. Grundschulzeugnisse und/oder Berichte von Zeitzeug/innen sollen zusätzlichen Aufschluss darüber geben, ob Symptome bereits in der Kindheit aufgetreten sind. Bei Bedarf können neuropsychologische Tests durchgeführt werden, die deine Aufmerksamkeitsleistung in einer Prüfungssituation messen. Diese sind aber nicht unbedingt notwendig, da ihre Ergebnisse häufig verzerrt sind.

ADHS und/oder andere Störungsbilder?

Falls andere Störungsbilder infrage kommen, ist abzuklären, ob deine Beschwerden durch eine andere Diagnose, z. B. durch eine Angststörung zu erklären sind, ob beide Diagnosen oder noch weitere vorliegen. Eine Autismus-Spektrum-Störung kann ebenfalls häufiger bei Menschen mit ADHS vorkommen.2 Früher haben sich die beiden Diagnosen ausgeschlossen, mit einer Aktualisierung des Diagnosekatalogs ist dieser Ausschluss aber aufgehoben. Das entspricht zwar dem aktuellen Stand der Wissenschaft, die neue Versions dieses Systems, die ICD-11, ist aber noch nicht überall umgesetzt.

Abklärung körperlicher Ursachen

Neben psychischen Störungen müssen bestimmte körperliche Erkrankungen ärztlich abgeklärt werden. Denn es kann durchaus sein, dass sich deine Symptome entweder besser oder ergänzt durch eine körperliche Erkrankung, wie z. B. eine Schilddrüsenfunktionsstörung, erklären lassen. 

Am Ende dieses Prozesses steht die Sichtung und Bewertung aller Befunde. Das ist wichtig, damit die Diagnose zweifelsfrei gestellt werden kann. Viele Betroffene, vor allem Spätdiagnostizierte, zweifeln häufig an ihrer Diagnose. Eine ordentliche Diagnostik ist eine gute Grundlage, mögliche Zweifel zu zerstreuen.

Wer diagnostiziert ADHS?

Für eine Diagnostik von ADHS sind folgende Berufsgruppen zuständig: 

  • Ärztliche oder psychologische Psychotherapeut/innen 
  • Kinder- und Jugendlichentherapeut/innen (für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis 21 Jahre) 
  • Fachärzt/innen für Psychiatrie, Neurologie oder Psychosomatik 

Die Diagnostik kannst du in einer niedergelassenen Praxis auf Anfrage erhalten. Bei psychologischen Psychotherapeut/innen und Kinder- und Jugendlichentherapeut/innen ist keine Überweisung notwendig. Bei den Fachärzt/innen lohnt sich ein Anruf oder ein Blick auf die Website. Solltest du gerade bei einer der oben genannten fachärztlichen Berufsgruppen in Behandlung sein, kannst du dort beim nächsten Termin nachfragen, ob eine Diagnostik möglich ist. Spezialambulanzen, angegliedert an Universitätskliniken, bieten ebenfalls eine umfassende Diagnostik. Dort musst du aber häufig lange Wartezeiten von ein bis zwei Jahren in Kauf nehmen. Solltest du die Diagnostik über einen privaten Anbietenden anstreben, kann es schneller gehen. Dabei musst du dich aber auf Kosten von mehreren Hundert Euro einstellen und solltest genau prüfen, ob der/die Anbieter/in über die entsprechenden Qualifikationen für eine Diagnostik verfügt. Dein/e Hausärzt/in kann eine erste gute Anlaufstelle sein, die vielleicht einen Überblick zu regionalen Angeboten einer ADHS-Diagnostik hat. Für Studierende kommen auch psychologische Beratungsstellen in Betracht, um einen ersten Verdacht zu besprechen und Empfehlungen für Diagnosestellen zu erhalten.

Nach der Diagnose

Solltest du eine ADHS-Diagnose erhalten haben, kannst du mit einem/einer Facharzt/in für Psychiatrie, Neurologie oder Psychosomatik besprechen, was die nächsten Schritte sind und ob eine medikamentöse Behandlung für dich infrage kommt. In der ersten Phase wird geprüft, ob du das Medikament gut verträgst. Diese Behandlung ist für ADHS-Symptome alleine wirksamer als eine Psychotherapie.3 Da aber eine Vielzahl an Menschen mit ADHS auch unter anderen Störungen leiden, kann es sinnvoll sein, eine Psychotherapie in Betracht zu ziehen. Bei Angststörungen und ADHS ist beispielsweise eine kognitive Verhaltenstherapie empfehlenswert. Themen, die in der Psychotherapie zu ADHS angestoßen werden, z. B. Organisationstechniken oder Übungen zur Impulskontrolle, könnten zudem in einer Ergotherapie vertieft werden. Solltest du dich zu den jeweiligen Angeboten mit anderen Betroffenen austauschen wollen, gibt es eine große Anzahl an Selbsthilfegruppen.

Eine umfassende und sorgfältige ADHS-Diagnose erfordert eine eingehende Anamnese, standardisierte Tests und die Einbeziehung von Fremdberichten, um sicherzustellen, dass die Diagnose zutreffend ist. Qualifizierte Fachkräfte wie Psychotherapeut/innen oder Fachärzt/innen für Psychiatrie führen diese Diagnostik durch. Bei der Behandlung können sowohl medikamentöse Ansätze als auch Psychotherapie hilfreich sein, insbesondere bei zusätzlichen psychischen Störungen. Ergotherapie und der Austausch in Selbsthilfegruppen können ebenfalls unterstützen. Eine gründliche Diagnostik ist der Schlüssel, um Unsicherheiten zu beseitigen und eine geeignete Therapie zu beginnen. Die erste Zeit nach der Diagnose kann sich manchmal überwältigend anfühlen. Das weiß ich aus persönlicher Erfahrung. Sowohl was die angenehmen, als auch die unangenehmen Gefühle angeht. Mir hat es da sehr geholfen, mich mit anderen auszutauschen und darüber zu sprechen. Dadurch konnte ich Schritt für Schritt in meinem Tempo herausfinden, was ADHS für mich und mein Leben bedeutet. Weitere nützliche Informationen findest du auch in der Aufzeichnung zum Online-Event »Point of View: ADHS im Studium«.


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Quellen:

1Vgl. AWMF online: "S3-Leitlinie ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen" unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-045 [Stand 17.08.2024]
2Vgl. Taurines, R.; Schwenck, C.; Westerwald, E.; Sachse, M.; Siniatchkin, M. & Freitag, C. (2012): "ADHD and autism: Differential diagnosis or overlapping traits? A selective review". In: ADHD Attention Deficit and Hyperactivity Disorders, 4(3), S. 115-139.
3Vgl. AWMF online: "S3-Leitlinie ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen" unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-045 [Stand 17.08.2024]

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