Junger Mann hat Kopf in die Hand gestützt und schaut nachdenklich nach oben

ADHS: Mythos Zappelphilipp

27.09.2024
4 Minuten
Mental Health

Warum wird ADHS bei Frauen häufig erst im Erwachsenenalter diagnostiziert und was hat es eigentlich mit »Masking« auf sich? Psychotherapeut Lukas kennt die Antworten!

 

Lukas Maher hat Psychologie an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck und am Beit Berl College in Israel studiert und war in stellvertretender Leitungsfunktion an einem Ausbildungsinstitut für Psychotherapie tätig. Heute ist er Autor und psychologischer Psychotherapeut (Systemische Therapie) mit eigener Praxis. Auf Instagram klärt er zu ADHS, Irrtümern der sogenannten Pop-Psychologie und zu mentaler Männergesundheit auf.

Sein Geheimtipp fürs Studium mit ADHS? »Lass dich nicht von negativen Vorurteilen gegenüber einer medikamentösen Behandlung beeindrucken. Mache dir dadurch das Leben nicht schwerer, als es ist und versuche im Studium deine Neugier nicht zu verlieren – sie ist dein Motor!«

Geschlechtsspezifische Unterschiede

Unruhig in der Grundschulklasse, ständig am Wippen mit den Beinen, dazwischenreden, laut sein und nicht aufpassen. So stellt man sich den »Zappelphilipp« vor, der häufig das Sinnbild für ADHS ist. Aber warum gibt es eigentlich keine »Zappelphilippa«? Jungs erhalten die Diagnose ADHS häufiger als Mädchen. Im Erwachsenenalter aber, da scheint sich dieser Unterschied aufzulösen. Ein Grund: Frauen erhalten die Diagnose sehr viel später. ADHS bei Mädchen und Frauen ist nicht gut untersucht. Einige Symptome äußern sich häufig anders. Und auch der Menstruationszyklus spielt dabei eine Rolle.

Aus klinischer Perspektive gilt ADHS als eine neurologische Entwicklungsstörung, die sich durch Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität ausdrückt. Neuerdings findet auch das Nebendiagnosekriterium der Emotionalen Dysregulation größere Beachtung, wenngleich es für die Diagnose an sich nicht ausschlaggebend ist.1

Vergesslichkeit; Ablenkbarkeit; chaotisches Erscheinungsbild; Schwierigkeiten bei der Organisation und Planung; Schwierigkeiten beim Zuhören; Schwierigkeiten mit Pünktlichkeit (zu spät oder zu früh kommen); temporäre Hyperfokussierung auf sehr wichtige Aufgaben, aber keine Kontrolle über die eigene Aufmerksamkeit, wenn sie erforderlich ist oder für viele wesentliche Aktivitäten des täglichen Lebens; sich in Details verlieren; Zweifel und Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen oder Probleme zu lösen; Erledigung von Aufgaben erfordert (zu) viel Zeit

Schwierigkeiten, sich zu entspannen; innere Unruhe; auf- und abgehen; zu viel und zu laut reden; Zappeln, Schaukeln oder Klopfen; Schwierigkeiten, Bürojobs zu ertragen; Dinge umstoßen aufgrund übermäßiger Beweglichkeit; Stillsitzen kann Muskelverspannungen verursachen; unruhiger Schlaf

Handeln ohne nachzudenken; Ungeduld und Schwierigkeiten, zu warten (verbunden mit Reizbarkeit); Dinge aussprechen, die anderen Kummer bereiten; andere unterbrechen; zu viel Geld ausgeben; Jobs einfach verlassen; Beziehungen schnell beginnen; Unfähigkeit, Belohnungen aufzuschieben; Sensationssuche und risikoreiches Verhalten; Essanfälle

Stimmungsschwankungen; geringe Frustrationstoleranz; emotionale Impulsivität; Reizbarkeit; Wutausbrüche; Zunahme der Symptome vor der Menstruation

Innerhalb der Diagnosekriterien muss eine ausreichende Anzahl an Symptomen erfüllt sein, damit eine klinisch bedeutsame Symptomschwere festgestellt werden kann. Einige der Symptome müssen bereits seit dem Kindesalter, vor dem zwölften Lebensjahr, bestehen. Außerdem muss es klare Anzeichen dafür geben, dass die Symptome die Qualität des sozialen, akademischen und beruflichen »Funktionierens« beeinträchtigen oder verringern, z. B. Konflikte in Partnerschaften, starke Schwierigkeiten in Schule, Studium oder der Berufsausbildung oder ständige Konflikte am Arbeitsplatz mit den entsprechenden Folgen. Je nach Befund müssen andere psychische Störungen ausgeschlossen oder abgeklärt werden. Denn manchmal liegen bei einer Diagnostik mehrere Diagnosen vor, beispielsweise ADHS und Soziale Angststörung. Insgesamt sind Menschen mit ADHS häufiger von psychischen Störungen betroffen als Menschen ohne ADHS. Aber warum werden Jungen häufiger diagnostiziert als Mädchen?

ADHS bei Mädchen und Frauen

Wenn man Geschlecht binär betrachtet, zeigen sich Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Der Grund ist aber weniger Biologie, als Sozialisation und Vorurteile. Das Bild vieler Fachkräfte im Schul- und Gesundheitswesen ist leider noch sehr von der Vorstellung des »Zappelphilipp« geprägt. Das hat Folgen für Mädchen und Frauen. Sie müssen als Mädchen deutlich mehr Symptome zeigen, um für eine Diagnostik empfohlen zu werden und erhalten in 75 % der Fälle ihre Diagnose erst im Erwachsenenalter.2 Das hat auch Folgen für die psychische Gesundheit: Viele Spätdiagnostizierte haben eine längere Psychotherapie-Geschichte hinter sich, bei der zwar andere Störungen behandelt wurden, die Hintergrundstörung ADHS aber nicht. Frauen neigen dazu, viele Symptome zu »maskieren«. Das liegt häufig daran, wie sie aufgewachsen sind und welche Erwartungen an sie gestellt wurden, was das »Frau-Sein« angeht. Mädchen sollen nicht wütend sein, sie sollen Rücksicht nehmen, Konflikte verbal lösen und anderen nicht unangenehm auffallen. Symptome zu verbergen (»Maskierung«) wird nötig, um soziale Probleme, wie ständige Kritik und Zurechtweisung zu vermeiden. Aus dem, was wir dann als Unruhe bei ADHS feststellen, kann innere Unruhe werden. Dadurch fallen sie weniger auf. Und tatsächlich zeigen Frauen und Mädchen vor allem Symptome der Unaufmerksamkeit.3 Diese fallen ebenfalls weniger auf. 

Eine weitere Besonderheit sind Veränderungen der Symptome während des Zyklus. Besonders in der Woche vor der Menstruation kann es dabei zu einer Zunahme der Symptome kommen.4 Solltest du diese Schwankungen bei dir bemerken, empfiehlt es sich, sowohl mit deiner Gynäkologin oder deinem Gynäkologen, als auch mit deiner Psychiaterin oder deinem Psychiater zu besprechen. Genaue Studien, wie Medikamente bei Frauen während des Zyklus anzupassen sind, existieren noch nicht. Die Forschung hat bei ADHS bei Frauen und Mädchen einiges nachzuholen.

ADHS ist gekennzeichnet von Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, Impulsivität und emotionaler Dysregulation. Die Symptome müssen das Leben der Betroffenen beeinträchtigen und einige davon bereits vor dem zwölften Lebensjahr auftreten. Bei Frauen äußern sich Symptome teilweise anders, was auf Sozialisation und Rollenerwartungen zurückzuführen ist. Das hat Folgen und bedeutet für viele weibliche Betroffene erst im Erwachsenenalter eine Diagnose und entsprechende Behandlung zu erhalten. Weitere Informationen findest du in der Aufzeichnung zum Online-Event »Point of View: ADHS im Studium« und in diesem Beitrag erfährst du mehr über die Diagnose von ADHS.


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Quellen:

1Vgl. Kooij, J. J. S.; Bijlenga, D.; Salerno, L.; Jaeschke, R.; Bitter, I.; Balázs, J.; Thome, J.; Dom, G.; Kasper, S.; Nunes Filipe, C.; Stes, S.; Mohr, P.; Leppämäki, S.; Casas, M.; Bobes, J.; Mccarthy, J. M.; Richarte, V.; Kjems Philipsen, A.; Pehlivanidis, A. & Asherson, P. (2019): "Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD". In: European Psychiatry: The Journal of the Association of European Psychiatrists, 56, S. 14-34.
2Vgl. Darby E. Attoe & Emma A. Climie (2023): "Miss. Diagnosis: A Systematic Review of ADHD in Adult Women". In: J Atten Disord, 27(7), S. 645-657.
3Vgl. Darby E. Attoe & Emma A. Climie (2023): "Miss. Diagnosis: A Systematic Review of ADHD in Adult Women". In: J Atten Disord, 27(7), S. 645-657.
4Vgl. Eng, A. G.; Nirjar, U.; Elkins, A. R.; Sizemore, Y. J.; Monticello, K. N.; Petersen, M. K.; Miller, S. A.; Barone, J.; Eisenlohr-Moul, T. A. & Martel, M. M. (2024): "Attention-deficit/hyperactivity disorder and the menstrual cycle: Theory and evidence". In: Hormones and Behavior, 158.

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