Alle anderen haben ein Getränk in der Hand und man fühlt sich seltsam, wenn man nichts trinken will. Was passiert da psychologisch?
Viviane Hähne: Das hat viel damit zu tun, dass wir soziale Wesen sind. Menschen haben über sehr lange Zeit vor allem in Gruppen überlebt. Zugehörigkeit ist deshalb ein menschliches Grundbedürfnis. Wenn ich befürchte, nicht dazuzugehören, geht im Nervensystem eine echte Alarmreaktion los. Das Gefühl ist also nicht übertrieben, sondern biologisch erklärbar.
Dazu kommt: Wenn alle trinken, denkt man schnell, man sticht heraus, wenn man kein Glas in der Hand hat. Dabei überschätzen wir aber meistens, wie sehr andere auf uns achten. In Wirklichkeit ist jeder vor allem mit sich selbst beschäftigt.
Interessant ist da auch das Konzept der pluralistischen Ignoranz. Das kann man sich so vorstellen: Vielleicht wollen in diesem Raum mehrere Leute gar nicht so viel trinken, aber alle denken, sie sind damit allein, und sagen deshalb nichts. Wenn du offen damit umgehst, fühlen sich vielleicht andere ermutigt, für sich selbst einzustehen.