Eine Gruppe junger Menschen im Gespräch. Eine Person hält eine Wasserflasche in der Hand.

Alle trinken, du nicht? So kannst du mit Gruppendruck umgehen

20.10.2026
4 Minuten
Social Stuff

Du hast keine Lust auf Alkohol, aber alle haben ein Glas in der Hand und du fühlst dich plötzlich komisch? Psychotherapeutin Viviane Hähne erklärt, woher dieser Druck häufig kommt und wie du zu deinen Grenzen stehen kannst.

 

Viviane klärt neben ihrer Arbeit als Psychologin und Psychotherapeutin auf Social Media mit fundiertem Fachwissen über Angst und Panik, Depressionen, Selbstwert und Beziehungsmuster auf. So gibt sie Tipps, was bei Panikattacken, kreisenden Gedanken oder ständiger Selbstkritik hilft, und teilt Einblicke aus ihrem Alltag in der Psychotherapie. Dabei geht sie auf Fragen ihrer Community ein und steht dieser mit Rat zur Seite.

Kneipentour, Fachschaftsparty, gemeinsam auf die bestandene Klausur anstoßen: Im Studium kann Alkohol in vielen Situationen eine Rolle spielen. Wer nicht mittrinkt, spürt schnell Druck oder fühlt sich außen vor. Dabei gilt: Du gehörst dazu, auch ohne Drink in der Hand. Denn Gemeinschaft und Feiern funktionieren auch ohne Alkohol. 

Psychologin und Psychotherapeutin Viviane Hähne erklärt dir im Interview, wie dieser Gruppendruck rund um Alkohol entsteht und was du dagegen tun kannst.

Alle anderen haben ein Getränk in der Hand und man fühlt sich seltsam, wenn man nichts trinken will. Was passiert da psychologisch?

Viviane Hähne:  Das hat viel damit zu tun, dass wir soziale Wesen sind. Menschen haben über sehr lange Zeit vor allem in Gruppen überlebt. Zugehörigkeit ist deshalb ein menschliches Grundbedürfnis. Wenn ich befürchte, nicht dazuzugehören, geht im Nervensystem eine echte Alarmreaktion los. Das Gefühl ist also nicht übertrieben, sondern biologisch erklärbar.
Dazu kommt: Wenn alle trinken, denkt man schnell, man sticht heraus, wenn man kein Glas in der Hand hat. Dabei überschätzen wir aber meistens, wie sehr andere auf uns achten. In Wirklichkeit ist jeder vor allem mit sich selbst beschäftigt.
Interessant ist da auch das Konzept der pluralistischen Ignoranz. Das kann man sich so vorstellen: Vielleicht wollen in diesem Raum mehrere Leute gar nicht so viel trinken, aber alle denken, sie sind damit allein, und sagen deshalb nichts. Wenn du offen damit umgehst, fühlen sich vielleicht andere ermutigt, für sich selbst einzustehen.

Woher weiß ich, wo meine eigene Grenze liegt?

Viviane Hähne: Weniger nach außen schauen und mehr nach innen hören. Der Vergleich mit anderen hilft kaum, weil du nicht weißt, was sie gewöhnt sind oder was ihre Ausgangslage ist.
Frage dich stattdessen: Wie will ich den Abend erleben? Wie möchte ich mich morgen früh fühlen? Meistens wissen wir die Antwort schon, wenn wir ehrlich sind. Du musst nicht trinken und du musst deine Entscheidung auch niemandem erklären.

Du musst dich nicht rechtfertigen, wenn du keinen Alkohol trinkst.

»Warum trinkst du nicht?« oder »Komm schon, ein Bierchen geht doch.« Was mache ich, wenn jemand nicht lockerlässt?

Viviane Hähne: Wenn Druck von außen kommt: Kurze, klare Antworten geben. »Heute nicht, hab keine Lust.« Punkt. Du musst dich nicht rechtfertigen. Eine lange Begründung lädt eher zur Diskussion ein. 
Wenn jemand wirklich nicht lockerlässt, kann man den Spieß auch einfach mal umdrehen: »Was sind eigentlich deine Gründe, dass du Alkohol trinkst?« 
Und wenn es wirklich unangenehm wird: einfach weggehen. Du bist niemandem eine Erklärung schuldig.

Wie komme ich nüchtern mit Leuten ins Gespräch, wenn ich niemanden kenne?

Viviane Hähne:  Dieses Wir-Gefühl beim Trinken ist meistens oberflächlich. Echte Verbindung entsteht über Gespräche: über das, was einen beschäftigt, worauf man sich freut, worüber man sich Gedanken macht. Das ist es, was am Ende wirklich verbindet.
Und der einfachste Einstieg: Fragen stellen. Ob du nach dem Studiengang fragst, nach dem T-Shirt das du cool findest, oder direkt tiefer einsteigst. Wer aufmerksam nachfragt, kommt ins Gespräch. Probier’s einfach mal aus.
Was noch hilft: daran erinnern, dass ihr ohnehin schon vieles teilt. Vielleicht seid ihr im gleichen Studiengang, seid neu in der Stadt oder steht vor ähnlichen Herausforderungen. Der Alkohol ist nicht das, was euch verbindet, sondern die Situation.

Dein eigener Alkoholkonsum oder der einer Freundin/ eines Freundes macht dir Sorgen?

Hier findest du Unterstützung & Hilfestellen:

  • Einen Überblick über Beratungsstellen findest du bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen unter dhs.de
  • In vielen Städten gibt es Suchtberatungsstellen: die Beratung ist kostenfrei, anonym und auch für Angehörige da
  • Psychosoziale Beratung deiner Hochschule oder des Studierendenwerks
  • Bei akuter Gefahr: Ist jemand beim Trinken nicht mehr ansprechbar, bewusstlos oder krampft: Bleib bei der Person ruf die 112.

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